Frauen in der Arzneimittelforschung

Stichwort „Penizillin“ – häufig standen männliche Wissenschaftler im Fokus der Arzneimittelforschung. Doch auch Frauen verdanken wir Menschen wichtige Medikamente, die etwa Gicht- und Herpesleidenden sowie Organtransplantierten helfen. Und nicht nur im Labor zahlt sich Chancengleichheit aus. Auch als Studienteilnehmerinnen braucht die Forschung Frauen.

Junge Frau mit Brille, weißem Kittel und blauen Handschuchen posiert lächelnd in einer Laborumgebung

Wie hoch ist der Frauenanteil in den forschenden Pharmaunternehmen?

Der Frauenanteil in der Pharmaindustrie insgesamt liegt bei 41 Prozent.(1) Ein Drittel der forschenden Pharmaunternehmen in Deutschland wird heute von Frauen geführt. Dieser Anteil ist in den letzten Jahren gewachsen. Auch der Blick in die Belegschaft der Arzneimittelhersteller zeigt vergleichsweise gute Perspektiven für Arbeitnehmerinnen: Bereits heute sind hier mehr als 40 Prozent der Vollzeitkräfte weiblich. Zum Vergleich: In der Chemieindustrie (ohne Pharma) sind es lediglich 22 Prozent, im verarbeitenden Gewerbe, im Fahrzeug- und Maschinenbau sogar nur 12 und 19 Prozent.(2) Insgesamt sind in den Abteilungen für Forschung und Entwicklung der forschenden Pharma-Unternehmen mehr als 50 Prozent der Belegschaft(3) Frauen.

Welche besonderen Herausforderungen stellen sich Frauen in der Branche?

Mitunter halten werdende Mütter eine Schwangerschaft vor ihrem Umfeld möglichst lange geheim – einer Labormitarbeiterin empfiehlt sich dies allerdings nicht. Denn an ihrem Arbeitsplatz können nicht nur die Umgebungsbedingungen, etwa die Gefahr eines Sturzes oder Ausrutschens, und die Schicht- oder Nachtarbeit, sondern auch der Umgang mit Gefahrstoffen zum Risiko für das Ungeborene werden. Diesen Gegebenheiten begegnen die Unternehmen als Arbeitgeber, und auch der Gesetzgeber hat neben dem Mutterschutzgesetz zahlreiche Bestimmungen erlassen. Egal, ob ein Arzneimittelhersteller gerade eine Schwangere beschäftigt oder nicht – im Rahmen der allgemeinen arbeitsschutzrechtlichen Beurteilung ist er generell verpflichtet, auch Gefährdungen für schwangere Frauen zu prüfen.(4) Wo Gefahren oder Belastungen erkannt werden, schützen die Betriebe ihre Mitarbeiterinnen: Das kann eine Änderung der Bedingungen vor Ort bedeuten, etwa das Entfernen bestimmter Substanzen vom Arbeitsplatz, oder die Einrichtung eines anderen Arbeitsplatzes.

Welche Maßnahmen zur Frauenförderung ergreifen die Unternehmen?

Eine Umfrage hat 2019 ergeben: Die forschenden Pharmaunternehmen verfolgen Geschlechterdiversität auf unterschiedlichen Wegen. Das Ziel ist aber gleich: den Anteil an Frauen an der Belegschaft zu erhöhen, und das bis in die Führungsetagen. Dabei helfen unterschiedlichste Maßnahmen, Richtlinien und Programme, die etwa als Kriterien für Neueinstellungen oder als Ziele für bestehende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickelt und festgelegt werden. Ein Unternehmen hat etwa ein Jobsharing-Pilotprojekt für Führungskräfte auf den Weg gebracht. So sollen Familie und Beruf besser vereinbar sein und Karrieren nicht an Teilzeit enden. Häufig fördern Unternehmen den internen Austausch und Mitarbeitende können in konkreten Netzwerken gezielt voneinander lernen. Auch Mentorenprogramme können dabei ein Schlüssel zur Karriere sein. Und nicht zuletzt unterstützen viele Unternehmen ihre Mitarbeitenden und Familien durch Angebote zur Kinderbetreuung wie Betriebskindergärten oder Kitas.(5)

Wie werden Frauen bei der Arzneimittelforschung berücksichtigt?

Eine Zulassung für beide Geschlechter erhält ein Medikament nur dann, wenn es auch an Männern und Frauen geprüft wurde. Das regeln die Zulassungsbehörden und gesetzliche Vorgaben. Wird ein Medikament hingegen nur für ein Geschlecht untersucht, erhält es auch nur dafür die Zulassung. Beispielsweise dürfen einige Medikamente gegen Brustkrebs nur bei Frauen angewendet werden, obwohl auch Männer davon betroffen sein können. Hierzulande erkranken jährlich rund 500 Männer gegenüber etwa 70.000 Frauen an Brustkrebs. In der Erprobung neuer Medikamente durchlaufen diese vor der Zulassung drei Phasen. Dabei kommen möglichst sowohl Männer als auch Frauen zum Zuge.

In Phase I werden Studien mit wenigen Gesunden durchgeführt, wozu meist ausschließlich männliche gesunde Teilnehmer herangezogen werden. Der Grund: Nicht die Wirksamkeit, sondern das „Verhalten“ des neuen Wirkstoffkandidaten im Körper muss zunächst untersucht werden. Der Einsatz männlicher Probanden schließt dabei Einflüsse von Hormonschwankungen oder hormonellen Verhütungsmitteln aus. Die Ergebnisse müssen aber anschließend mit Frauen überprüft werden, sodass der Frauenanteil in der Summe aller Phase-I-Studien zehn bis 40 Prozent erreicht.

An den weiteren Phasen II und III nehmen Frauen und Männer teil, die von der eigentlichen Krankheit betroffen sind. Die Zahl der Teilnehmerinnen steigt dabei auf 30 bis 80 Prozent, wenn die Krankheit bei beiden Geschlechtern vorkommt. Ob sich genügend Patientinnen und Patienten für eine Studie finden, ist ein entscheidender Erfolgsfaktor für die Medikamentenentwicklung. Tatsächlich zeigen sich zwischen Frauen und Männern häufig statistische Unterschiede. Etwa wenn es um die mittlere Konzentration und Verweildauer von Wirkstoffen im Blut geht. Diese sind aber fast immer geringer als die individuellen Unterschiede von Mensch zu Mensch. Anders gesagt: Ob man dick oder dünn, trainiert oder untrainiert ist, ob man junge oder alte Nieren hat, ob man raucht oder nicht – all das ändert das Verhalten eines Medikaments im Körper stärker als das Geschlecht. Ausnahmen sind etwa ein Präparat gegen Haarausfall, das wegen der deutlichen geschlechtsspezifischen Unterschiede in der richtigen Dosierung für Männer und Frauen getrennt angeboten wird. Ein weiteres Beispiel liefert ein Hormon-Medikament zur Behandlung von Fruchtbarkeitsstörungen, das ebenfalls bei Männern und Frauen unterschiedlich dosiert werden muss. Weitere Informationen dazu gibt es hier.